Unser Weg ins Nordsee-Internat in St. Peter Ording

Nordsee Internet Diabete erfahrungsbericht

GASTBEITRAG

Unsere Tochter und wir bekamen die Diagnose Typ 1 Diabetes als sie 13 Jahre alt war.

Diese Diagnose ist nie leicht, aber pünktlich zum Beginn der Pubertät brachte das noch mehr Herausforderung.

Ein Pubertier will mehr Freiheit, Autonomie und definitiv weniger Kontrolle - vor allem von den Eltern. Wir Eltern wurden zu den auserkorenen Erzfeinden. Die ganze Familie litt und stritt.

Die ersten 1,5 Jahre, wenn die insulinbildenden Zellen immer weniger arbeiten und man alle 4 -8 Wochen die Faktoren ändern und im Grunde ausprobieren muss, ist nicht nur die emotionale Lage, sondern auch der Stoffwechsel eine Achterbahnfahrt. Es muss eben andauernd kontrolliert werden!

Als das Bewusstsein bei unserer Tochter einsetzte, dass das jetzt „lebenslänglich“ ist, da folgte erst die Verweigerung den Diabetes zu versorgen und dann der Rückzug bis zur Depression mit Selbstmordgedanken. Die Auseinandersetzung mit dem Tod, den Traumjob nicht mehr machen zu dürfen mit dieser Diagnose, die Gewichtszunahme, den Sport aufgeben zu müssen, weil die Leistung nicht mehr da war bzw. sie nicht mit einer Unterzuckerung auffallen wollte, immer anders zu sein, als die anderen, … all das produzierte Perspektivlosigkeit.

Besonders schlimm war es in und mit der Schule:

Die typischen „Bull- Shit Bingo“ Sätze dauernd zu hören: „Warst Du als Kind schon so dick?“ „Du hast wohl zu viele Süßigkeiten gegessen!“, „Den Kuchen / das Eis darfst du ja nicht mehr essen!“, „Sei froh, dass es nicht Krebs ist!“, „Du weißt, dass Essen im Unterricht verboten ist!“,  „Du darfst während der Pause nicht im Schulgebäude bleiben!“ (Es ist aber unmöglich nach der Pause noch ins Klo zu rennen, um sich zu spritzen, weil sie es nicht vor den Augen der anderen machen wollte)

Besonders schlimm war die Forderung des doch so sehr auf Inklusion bedachten Schulleiters: Er wollte eine „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ für die Skifreizeit! Mit Hilfe des Schulgesetzes habe ich ihm sehr schnell klargemacht, dass er diese nicht bekommen wird!

Nun in Summe ging es also immer mehr bergab, körperlich, seelisch und schulisch: Schulausfälle wegen der nächtlichen Unterzuckerungen bzw. später auch exzessives Schwänzen wegen Schulangst vor der „Verfolgung“ einzelner Lehrer.

Das Ritzen war dann im Grunde nur ein Ausdruck für: „Ich kann wenigstens etwas kontrollieren: Den Schmerz, die Länge und Häufigkeit des Schnitts, …“

Direkt bei der Diagnose bat ich um psychologische Hilfe für uns. Da war die Kinder – und Jugend- Diabetologie der Kinderklinik sehr zögerlich, das würde dann bei Bedarf - wenn überhaupt nötig, angegangen werden können. Sehr schnell waren sie aber, als sie uns das Jugendamt auf den Hals hetzten, weil ihre Werte ja gesundheitsgefährdend seien und somit das Kindeswohl offensichtlich gefährdet sei.

Das empfand ich als unfassbar, denn wir hatten ja vom ersten Tag an um Unterstützung gebeten, haben nie einen Arzttermin verpasst, haben uns engagiert und eingelesen und zur Erleichterung unserer Tochter viel Geld in die Hand genommen, um die damals noch nicht von der Krankenkasse bezahlten Sensoren für das Messgerät zu kaufen, etc.

Natürlich waren wir bereitwillig mit dem Jugendamt zu sprechen, denn so konnte es nicht mehr weitergehen- für die ganze Familie. Die Hilfe des Jugendamtes war zuerst völlig unqualifiziert. Uns wurde „interne Jugendhilfe“ angeboten, was dies aber GENAU bedeutete wurde uns nie mitgeteilt.

Wir hätten uns eine Kooperation von den der Diabetologie und dem Jugendamt gewünscht und nicht nur Druck. Insbesondere die Information über die Möglichkeit der Internate fehlte.

Ich suchte Hilfe auf Internetseiten, Diabetesblogs, Selbsthilfegruppen und fand beim Googlen, was denn „interne Jugendhilfe“ sei zwar keine Antwort, aber den Hinweis auf „externe Jugendhilfe“.

Diabetes Internate - als Hilfe für Jugendliche mit Diabetes

Dabei fand ich tatsächlich ziemlich schnell die 3 deutschen Diabetesinternate. Den Weierhof in der Pfalz, das CJD in Berchtesgaden und das Nordsee-Internat (nsi) in St. Peter Ording. Zunächst verweigerten unsere Tochter und mein Mann diese Option.

Als sich die schulische und psychische Situation fast 2 Jahre später so aussichtslos darstellte, dass der Oberstufenleiter und die Klassenlehrerin uns zu sich bestellten, brachte ich die Internate zaghaft nochmal ins Gespräch.

Es gab nicht mehr viele Varianten: Schulabbruch in der 12. Klasse mit einer Bescheinigung, die einem Realschulabschluss gleichgesetzt war und vielen unentschuldigten Tagen … („Also mit dem Zeugnis nimmt mich doch gar keiner! Außerdem weiß ich nicht, was ich denn für eine Ausbildung machen will?!“) oder das erste Halbjahr bewertungsfrei setzen zu lassen und das 2. Halbjahr für die psychische und körperliche Genesung stationär nutzen und dann die 12 noch einmal probieren.

Der Wunsch auf ein Internat zu gehen, kam dann von unserer Tochter. Unterstützt und ausgestattet mit diversen Gutachten und Schreiben von der Diabetologie und dem Sozialdienst der Kinderklinik, sowie einer Psychologin und des Oberstufenleiters der Schule, zogen wir aus, um uns tatsächlich alle 3 Internat anzusehen.

Das Konzept des nsi und die Diabetesversorgung überzeugte uns Eltern- vor allem das herzliche Willkommen von anderen Teenagern unserer Tochter gegenüber, führten bei unserer Tochter zur Aussage: „Zu 100% möchte ich ins nsi!“.

Zunächst folgten 2 Wochen zur „Probe“. Dies galt für beide Seiten! Hier arbeitete dann die neue sozialpädagogische Sachbearbeiterin des Jugendamtes super mit dem Internat und uns zusammen.

Es ging dann ganz schnell. Aus der Probewoche wurde ein lückenloses: „Ich bleibe da!“, „Wir würden Ihre Tochter gerne aufnehmen“ und „Das Jugendamt bewilligt die Maßnahme!“

Da sie mitten im Schuljahr wechselte, ging sie ein Schuljahr zurück, um diese Monate zum Eingewöhnen und Aufholen des verpassten Schulstoffs zu nutzen. Auch um wieder angstfrei und ohne Leistungsdruck Schule neu zu erleben.

Mittlerweile ist unsere Tochter 2 Jahre im Nordsee-Internat, war engagierte Haussprecherin, übernimmt als „Alte/ Große“ Verantwortung und steht kurz vor dem Abitur!!!!!!

Sie selbst sagt, dass es für uns alle die richtige Entscheidung war!

Wir können wieder liebevoll miteinander umgehen. Diabetes ist kein Reizthema mehr. Sie hat so großen Fortschritt auf allen Ebenen durch die Hilfe im nsi gemacht.

Das Schönste für unsere Tochter war und ist es, dass sie nicht mehr die „Einzige“ ist, und dass sie dort nicht als Störfaktor im Schulbetrieb gesehen wird!

Besonders gefällt uns Eltern, dass das Diabetesteam sie nun auf das „Alleinleben mit dem Diabetes“ vorbereitet. Denn wer weiß, wo es sie im nächsten Ausbildungsschritt hin verschlägt!

VIELEN DANK AN DAS NSI!

Mehr Hintergrundinformationen zum Nordsee Internat Sankt Peter Ording und der Betreuung bei Diabetes Typ 1, könnt Ihr auf unsere extra Seite nachlesen.

Gast Autor

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