Diabetes Kids selbstständigkeit

Nach der Klassenfahrt ist vor dem Zeltlager – Wenn Kinder mit Typ1 flügge werden

Kam sie nicht gerade erst von der Klassenfahrt alleine zurück? War sie nicht gerade erst bei einer spontanen Übernachtungsparty bei einer Freundin? Will sie wirklich schon wieder für ein paar Tage alleine losziehen? Zum jährlichen Pfadfinder-Zeltlager-Wochenende?

Meine Tochter (11 Jahre) wird langsam aber sicher im “flügger”. Und die Aktivitäten, die auch gerne mal 2 oder 3 Tage andauern oder eine Übernachtung beinhalten werden irgendwie immer mehr. Und so soll es in diesem Alter ja auch sein. Unsere Kinder wollen und sollen genauso wie ihre Freunde diese besonderen Momente erleben dürfen. Auch mit Diabetes Typ 1 im Gepäck. Ich bin deshalb sehr froh, dass unsere Tochter diese Erlebnisse mit ihren Freunden teilen kann. Das es offene Betreuer, Lehrer oder auch “Freundes-Eltern” gibt, die keine Scheu vor den Besonderheiten der Krankheit haben. Denn ich weiß auch ganz genau, dass es ohne diese tollen Menschen nicht so einfach möglich wäre.

Sicherlich erleichtert auch unser CGM-System (Dexcom G5) so einiges. Gerade die integrierte Alarmfunktion nimmt vielen die Unsicherheit oder Ängste. Was besonders auf Klassenfahrten oder anderen Vereinsaktivitäten von unschätzbaren Wert für uns geworden ist. Egal ob auf einer längeren Wanderung oder in der Nacht. Das CGM-System gibt im Falle einer Unter- oder Überzuckerung einen grellen Alarmton ab. Und dieser Ton kann so laut eingestellt werden, dass ihn garantiert niemand überhört.

Im Moment ist das für unsere Tochter eine aufregende Zeit. Alleine über mehrere Tage für die Krankheit selbst verantwortlich zu sein. Selbst das Essen zu berechnen. Selbst entscheiden, ob sie die Basalrate absenkt oder ob sie Korrekturinsulin abgeben soll. Einfach alles. Selbstverständlich kann sie uns bei Rückfragen immer telefonisch erreichen. Wir lassen sie dabei nur soweit alleine, wie sie es möchte. Und mit jeder Erfahrung wird ihr Diabetes Selbstmanagement immer besser und besser. Das macht uns als Eltern unendlich Stolz.

Doch wie geht es der Mama dabei?

Wenn Kinder flügge werden, ist das nicht nur eine große Veränderung für das Kind. Nein, auch ich als Mama musste lernen mich in die neue Situation einzufinden. Ich musste lernen meiner Tochter im selbstständigen Umgang mit der Erkrankung und ihren Besonderheiten zu vertrauen. Ich musste lernen loszulassen und mir nicht allzu viele Gedanken und Sorgen zu machen. Das ging nicht so einfach von heute auf morgen. Es war ein langsamer Prozess. Doch ich habe es wirklich geschafft. Ich konnte abschalten, ich musste nicht ständig darüber grübeln ob es ihr ja gut geht. Beim letzten Zeltlager hatte ich mir ganz fest vorgenommen nicht ständig ihre Werte auf dem Handy zu kontrollieren. Ich schaltete die entsprechende App einfach auf Stumm. Und was soll ich sagen, es ging besser als gedacht, auch wenn es nicht einfach für mich war. Ich konnte in der Zeit loslassen und voll und ganz unserer Tochter vertrauen. Wir haben sogar während dieser Zeit einen Tagesausflug unternommen, was vor ein-/zwei Jahren noch vollkommen undenkbar gewesen wäre. Und ich denke, auch auf uns Eltern können wir dabei ein bisschen Stolz sein.

Und wenn sie auch schon vieles so gut meistert, so stehen wir mit ihren 11 Jahren doch erst am Anfang der Selbstständigkeit und wir Eltern werden dabei immer mehr loslassen müssen. Es ist unsere Aufgabe, unsere Tochter auf ihren Weg in die Eigenständigkeit so gut wie möglich zu begleiten und zu unterstützen. Schließlich soll sie in ein paar Jahren ihr Diabetes-Management ohne unsere Hilfe, eigenverantwortlich meistern können. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, der sicherlich noch die eine oder andere Überraschung für uns bereithält.

 

 

Kathy

Kathy

Im November 2012 erkrankte meine damals 5jährige Tochter an Diabetes Typ 1. Eine Krankheit die unser (Familien-)Leben vollkommen auf den Kopf gestellt hat.
Kathy
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4 Comments

  • frauschroeder 28/06/2018 at 09:22

    Ihr könnt sehr, sehr stolz auf Euch sein. Zum Einen, dass Ihr loslassen könnt und Eurer Tochter vertraut, zum Anderen, dass Ihr Eure Tochter so weit gebracht habt, das selbst zu managen. Finde ich super! Mein Bonussohn ist 9 und so etwas wäre undenkbar, was ich total schade finde, da alle Kumpels jetzt ins Zeltlager fahren, aber er nicht mit kann. Und auch eine Klassenfahrt mit Übernachtung wäre derzeit absolut unmöglich. Er schafft es aber leider trotz CGM nicht auch nur einmal auf seinen Wert zu schauen, außer das Ding piept. Geschweige denn, dass er sein Essen schätzen kann. Wir versuchen es immer, aber wenn man alle zwei Wochen nur zwei Tage hat, bringt das auch herzlich wenig. Ich bin sehr gespannt, wie es mit ihm weitergeht.

    Bei Euch mache ich mir da weniger Gedanken;-)

    LG Stephi

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    • Kathy 28/06/2018 at 15:10

      Hallo,
      ich denke es ist wirklich schwierig, wenn man nicht ständig an der Selbstständigkeit im Umgang mit der Krankheit gemeinsam mit dem Kind arbeiten kann. Doch vielleicht hilft Euch eine Diabetes-Schulung. Z.b. in Bad Mergentheim. Dort werden spezielle Kinderschulungen angeboten. Meine Tochter war erst in den letzten Osterferien für 10 Tage bei genau so einem Kurs und war sehr begeistert.
      LG Kathy

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  • Maria 27/06/2018 at 18:28

    Unsere Tochter ist 12 und ist leider noch sehr unselbstständig was den Diabetes angeht. Ich nehme ihr wohl zu viel ab. Ich werde versuchen ihr mehr Verantwortung zu geben.
    Danke das du gezeigt hast, das man in dem Alter schon vieles alleine machen kann.

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  • Alice 27/06/2018 at 18:26

    Danke für den Beitrag – er lässt mich Zuversichtlich in die Zukunft blicken. Unsere Tochter ist erst 7 und noch weit weg von der Selbstständigkeit. Aber der Beitrag macht mir Mut, das es klappen kann.

    Alice

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