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Was Du nicht siehst …

Stell’ Dich nicht so an. Diabetes, damit kann man heute doch gut leben. Sei froh das es nicht schlimmeres ist.
Solche Sätze sind für mich immer ein kleiner Stich ins Mutterherz. Was wissen Außenstehende den Wirklich über das Leben mit Diabetes Typ 1 und wie es uns und unseren Kindern dabei ergeht? Ehrlich gesagt nicht viel. Und bei einigen meiner Mitmenschen habe ich auch nicht das Gefühl, das sie daran etwas ändern möchten.

Stell’ Dich nicht so an. Diabetes, damit kann man heute doch gut leben. Sei froh das es nicht schlimmeres ist.
Nach Außen gehe ich ganz locker mit diesen Sprüchen um. Ich möchte mir keine Blöße geben, dass sie mich an manchen Tagen doch sehr treffen. Denn es gibt viele Dinge, die nach Außen nicht gleich sichtbar sind. Die ich mit mir selbst ausmachen, Dir nicht zeige, weil ich nicht den Eindruck habe, dass es Dich wirklich interessiert.

Was DU nicht siehst

» Was Du nicht siehst. Weil Du es vielleicht nicht sehen willst oder ich es einfach nicht immer zeige. Das Leben mit Diabetes kann ganz schön anstrengend sein. Ich möchte nicht jammern. Nein, doch was Du nicht siehst, sind die Tränen die wir Mütter immer wieder weinen. Nicht, weil es das “Schicksal” so schlecht mit uns gemeint hat. Nein, weil wir unsere Kinder lieben und wir uns für sie ein einfaches, tolles Leben gewünscht haben. Klar können Sie dieses tolle Leben führen, doch es ist immer mit einigen Anstrengungen, Regeln und auch mit sehr viel Disziplin verbunden.

» Was du nicht siehst: wie wir jeden Tag aufs Neue für unsere Kinder stark sind. Wie wir sie ganz selbstverständlich im Umgang mit ihrer Erkrankung stärken. Wie wir vor ihnen nicht zeigen, dass es uns auch mal schlecht geht. Denn wir möchten unsere Kinder auf den Weg der Krankheitsakzeptanz voll und ganz unterstützen. Wenn unsere Kinder Sätze sagen: “Warum habe ich Diabetes?” oder gar “Ich hasse meinen Diabetes”, dann zerbricht in uns immer ein kleines Stück und wir versuchen noch stärker für unsere Kinder zu sein. Ihnen zu zeigen, dass sie auch mit dem Diabetes alles erreichen können, wenn sie wollen. Und dieser Prozess ist oftmals alles andere als einfach

» Was du nicht siehst, sind die vielen schlaflosen Nächte, die an unsere Substanz gehen. Ich merke es jedes Jahr mehr. Seit 5 Jahren sind wir auch in der Nacht immer für unsere Tochter da. Und es gibt Tage, da würde ich mir am liebsten eine Decke über den Kopf ziehen und einfach nur schlafen. Doch der ganz normale Alltag lässt es oft nicht zu das ich mir diese Zeit zum Ausruhen nehme.

» Was du nicht siehst, sind die vielen kleinen oft unscheinbaren Dinge, die wir täglich für unsere Kinder aus dem Hintergrund regeln. Gerade wenn die Kinder noch klein sind, können wir sie beispielsweise nicht einfach auf einem Kindergeburtstag abgeben, für 3 Stunden abschalten und dann wieder abholen. Nein, so eine Veranstaltung muss im Vorfeld geplant werden. Was gibt es zu essen? Wird eine Wanderung gemacht? Wie müssen wir die Insulinpumpe unserer Kinder einstellen? Und vieles mehr.

» Was du nicht siehst: wie wir Mütter wir immer und überall für jeden erreichbar sein müssen. Egal ob Kindergarten, Schule, im Verein oder bei Freunden. Wir haben immer unser Handy in unserer Nähe und sind immer abrufbereit, sollte einmal etwas mit dem Blutzucker nicht stimmen oder dem Kind nicht gut gehen. Wir sind immer erreichbar, bei Tag und auch bei Nacht.

» Was du nicht siehst, ist auch die Tatsache, dass meine Tochter ohne Insulin nicht überleben könnte. Soviel zu es gibt schlimmeres. Klar, schlimmer geht immer. Doch bedenke, dass dieser Fakt mir als Mutter manchmal ganz schön nahe geht.

Also bitte überlege, bevor Du mir Sätze wie “Stell’ Dich nicht so an, es gibt schlimmeres” um die Ohren wirfst, dass ich gerade vielleicht etwas ausgepowert bin und nicht immer über diese Sätze so leicht und locker hinweggehen kann. Und nein, diese Worte trösten mich als Mutter auch nicht. Im Gegenteil, diese Worte können ganz schön schmerzen. Schön wäre es, wenn ich einfach mal bei Dir meinen Frust herauslassen, mich ausweinen könnte. Und das ganz kommentarlos. Damit tust Du mir gut.

 

=> Diese Worte gehen alle, die sich angesprochen fühlen.

Kathy

Kathy

Im November 2012 erkrankte meine damals 5jährige Tochter an Diabetes Typ 1. Eine Krankheit die unser (Familien-)Leben vollkommen auf den Kopf gestellt hat.
Kathy

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6 Kommentare

  • rebecca 04/12/2017 at 13:08

    Der Bericht trifft die reale Lage leider ins Mark. Die Gesellschaft hat sich leider nicht weiterentwickelt. Selbst habe ich Diabetes Typ-1 seit meinem zweiten Lebensjahr. Aber als Kinder der 80er kann ich eindeutig sagen, dass es die fiesen Kommentare bzw. Meinungen in der Gesellschaft nicht gab.

    Dafür heutzutage umso mehr. Es ist wirklich ratsam um manche Leute mit ihren vorgefertigten Meinungen einen großen Bogen zu machen. Schon allein zum Wohl des Kindes.

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  • Alexandra 13/11/2017 at 17:30

    Ganz ganz toll geschrieben das sollte mal veröffentlicht werden mir hat mal eine Mutter an den Kopf geworfen: ich kann mein Kind nicht jeden Tag von der Schule abholen ich muss arbeiten; eigentlich hätte ich ihr gerne meine Meinung gesagt aber in dem Moment fehlten mir die Worte und es hätte eh nix gebracht.

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  • Swantje 01/11/2017 at 14:16

    Vielen Dank. Ich kann alles unterschreiben, auch mir sprichst du aus dem Herzen.

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  • Ramona 01/11/2017 at 09:16

    Hallo, Du hast so recht, ich könnte jedesmal bei bei solchen Sprüchen zum Drachen werden. Hinzukommt das die meisten, auch enge Freunde, nur sehen wie gut wir damit umgehen. Der Kleine Mann kann ja alles machen. Und die Schlaflosen Nächte sind doch nicht schlimm…. ‘du hast ja nur ne halbe Stelle, leg dich tagsüber hin….’ Aber so ist das, über etwas urteilen geht schnell. Schön, dass jemand sich hinstellt und seine Gefühle in so einem Block offenbart, mir ist das leider zu aufwendig. Danke

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  • Kerstin 31/10/2017 at 22:06

    Danke. Finde ich ganz toll geschrieben und spricht mir direkt aus dem Herzen.

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  • Konni 30/10/2017 at 16:06

    Vielen Dank für diesen tollen Text. Du sprichst mir aus der Seele.

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