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wenn ich blind wäre….

Es war ein ereignisreicher Tag für Phil. Oma hat ihn abgeholt und hat sich zusammen mit meiner Schwester und meinem großen Sohn Ben in der Kirche zum “offenen Mittagstisch” getroffen. Nach einem leckeren Mittagessen ist Phil mit Oma und Tante unterwegs gewesen. Meine Schwester arbeitet bei den Johannitern und zu ihren Aufgaben gehört es auch behinderte Menschen zu fahren – und Phil durfte mit! Drei schwerbehinderte Kinder/Jugendliche wurde an diesem Tag nach Hause gebracht. Phil war sehr berührt und es beschäftigte ihn unheimlich. Abends beim “ins Bett bringen” sprudelte es alles nur so aus ihm heraus. Er wollte wissen was es eigentlich bedeutet “behindert” zu sein – er wollte auch das Wort genau erklärt haben und als ich ihm dann noch gesagt habe, wie dankbar wir sind, dass unsere 2 Jungs gesund sind sagte er: “…aber Mama ich bin nicht gesund – ich bin ja krank – ich habe doch Diabetes. Weißt du, ich bin zwar nicht krank im Sinne von krank aber ich bin doch irgendwie krank”. Er wusste gar nicht wie er mir das so erklären sollte. Er fragte mich auch sehr ernst, ob man denn was dafür könnte, wenn man behindert ist oder Diabetes hat.

Niemand kann etwas dafür

“Nein Phil, niemand kann etwas dafür – manche Kinder werden so geboren, manche werden schlimm krank, haben einen Unfall…” Er meinte dann, weißt du Mama, in der Schule haben mich auch schon 3 Kinder ganz blöd angequatscht wegen meinem Diabetes… Gell, wenn man blind ist, kann man auch nix dafür?” Ich antwortete auch hier “Nein, dafür kann man nichts”… “aber Mama, wenn ich jetzt blind wäre könnte ich auch nix dafür, aber ich müsste die Kinder nicht sehen, die so etwas zu mir sagen…

Auch jetzt beim Schreiben habe ich wieder einen Kloß im Hals… Kinder suchen sich immer die Schwachstelle bei einem anderen Kind… sei es eine Brille, abstehende Ohren, rote Haare, die Insulinpumpe, eine Narbe…. es ist für jede Mutter sehr schwer auszuhalten, wenn das Kind Kummer hat und es um Äußerlichkeiten geht… ich war auch bestürzt was da so alles aus ihm rauskam… sein Vergleich mit “wenn ich blind wäre” hat mich traurig gemacht…

Wir haben mittlerweile sehr viele gute Tage – damit will ich sagen – der Diabetes ist immer da – aber er läuft tatsächlich etwas mehr nebenher. Natürlich alltagsbestimmend – natürlich sind die Nächte bei uns oft chaotisch, Wertedesaster, Ängste usw. und trotzdem finde ich langsam meinen Frieden….ich weiß nicht wie ich das erklären soll – ich kämpfe nicht mehr innerlich so sehr dagegen… habe mich ein Stück weit abgefunden… und trotzdem spüre ich diese aufkommende unbändige Wut und Machtlosigkeit in mir, wenn ich solche Situationen mit meinem Kind besprechen muss.

Gast Autor

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