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Interview mit Melanie Schipfer (Leistungsportlerin – Triathlon)

Melanie bekam mit 14 Jahren die Diagnose Diabetes Typ 1. Seit 2009 ist sie eine ambitionierte Läuferin (erster Marathon) und seit 2010 Triathletin.

KmT1D: Sie haben im Alter von 14 Jahren die Diagnose Typ1 bekommen. Wie war das für Sie, so mitten in der Pubertät? Wie kamen Sie damit damals zurecht?

Melanie Schipfer: Die Diagnose war ein Schock. Ich habe schon immer sehr gerne genascht (tu ich auch heute noch) aber mit dem Halbwissen, das in meiner Familie herrschte und der Aussage vom Hausarzt, ich solle zunächst mal alles meiden was Kohlenhydrate enthält bis die genaue Diagnose feststeht – stürzte für mich eine Welt ein. Nie wieder Naschen und irgendwie waren überall Kohlenhydrate drin- wir waren mit der Situation gänzlich überfordert. Ich hatte jedoch das Glück, schon 2 Tage nach der Diagnose ins Diabetes Zentrum Bad Mergentheim zu kommen. Dort waren wir in guten Händen und wurden 3 Wochen lang geschult. Mit „wir“ meine ich meine Mutter, die vom Beruf freigestellt und mit mir zusammen die 3 Wochen in der Klinik geschult wurde und so ebenfalls alles Wichtige an Know-how mitbekam.

Den Diabetes in der Pubertät zu bekommen, nun ich denke es gibt keinen guten oder schlechten Zeitpunkt, an dem man die Diagnose erhalten kann. Ich weiß aber, dass ich meinen Körper lange dafür gehasst habe, dass er mir das antut. Aber auch das hat sich mit den Jahren gelegt – wozu auch der Sport einen großen Teil beigetragen hat. Ich habe den Diabetes nie vernachlässigt, weil ich wusste, es würde mich wie ein Bumerang einholen. Dennoch war es nicht immer leicht, sich selbst mit dem Diabetes zu akzeptieren, auch wenn es oft nach Außen hin den Anschein hatte.

KmT1D: Wie war es in der Schule mit Diabetes? Haben Sie in der Schule spritzen müssen? Wie haben die Mitschüler reagiert?

Melanie Schipfer: Ich hatte keine Probleme mit dem Diabetes in der Schule. Da ich in der 6ten Klasse die Diagnose erhielt und plötzlich für 3 Wochen von heute auf morgen verschwunden war, waren alle neugierig, was denn passiert war. Ich glaube, mein Klassenlehrer hat mit mir zusammen kurz nach meiner Rückkehr aus der Klinik erklär,t was passiert war und ich bin offen damit umgegangen. Auch später im Bio- Unterricht habe ich gerne und offen darüber geredet. Für die anderen in der Klasse war es ganz normal das ich spritzen muss – man hat mich nie ausgeschlossen oder ähnliches.

KmT1D: Mussten Sie jemals Ausgrenzung erfahren? In der Schule, beim Sport oder woanders?

Melanie Schipfer: Nein- nicht dass ich mich erinnern könnte. Erst später, als es um die Berufswahl ging, bzw. um einen Studentenjob an der Uni. Die Lufthansa suchte Studenten als Flugbegleiter, da wäre ich gerne mitgeflogen und hätte ich gerne gejobbt und leider ist das nicht erlaubt. Gleiches gilt für das Blutspenden. Auch hier wurde ich wieder mit meinem Blut nach Hause geschickt, allerdings ohne eine anständige Erklärung dafür erhalten zu haben.

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Melanie Schipfer

KmT1D:  Wann haben Sie mit dem Leistungssport angefangen?

Melanie Schipfer: Ich habe als Kind schon Karate gemacht und dort Wettkämpfe besucht. Das war aber in der Zeit vor dem Diabetes und ich hatte bereits vor der Diagnose Diabetes damit wieder aufgehört. Zum Leistungssport kam ich sehr spät. Erst 2009 begann ich unter Anleitung eines Freundes mit dem Laufen und finishte auch in diesem Jahr meinen ersten Marathon. Seit diesem Marathon brennt die Leidenschaft für den Ausdauersport in mir. 2010 begann ich mit dem Triathlon und bin seitdem dieser Sportart verfallen.

KmT1D: Doch bestimmt schon vor der Diagnose?

Melanie Schipfer: Nein 😉

KmT1D: Wie kamen Sie mit der Krankheit damals im Sport zurecht?

Melanie Schipfer: Durch die Schulung im Diabetes Zentrum Bad Mergentheim ziemlich gut (glaube ich – ist schon eine Weile her 😉 ). Ich war aber schon immer sportlich aktiv, nicht im Verein aber ich war ausdauernd Skaten, Tanzen, Schwimmen, Radfahren und Radwandern. Später besuchte ich Fitness Kurse und Spinning, bis ich dann mit dem Laufen begonnen habe.
Ich denke, wenn man das Basis-Wissen, das einem in den Schulungen vermittelt wird als Grundlage verwendet und beginnt, es für sich selbst anzupassen, ist man auf einem guten Weg. Es läuft ganz viel über Ausprobieren und Fehler machen. Irgendwann hat man ein Gespür dafür, was man tun muss,… Ich habe immer versucht, mich vom Diabetes nicht einschränken zu lassen, habe viele Unter- und Überzuckerungen erlebt, aber ich denke, auch das gehört dazu. Dann isst man eben eine oder ein paar Hypo-KEs oder man korrigiert den Blutzucker nach unten. Zu Beginn habe ich viel mit meiner Mutter Rücksprache gehalten und vieles abgestimmt,… irgendwann habe ich dann die Zügel selbst in die Hand genommen. Hypos waren für mich immer ein ” oh Hypo Oh cool Naschen 😉 ” also nicht negativ behaftet.

KmT1D: Wie ließen sich Dm und der Sport gut vereinbaren und managen?

Melanie Schipfer: Der Diabetes muss mitgenommen werden. Man muss wissen, was kann passieren und was dagegen zu tun ist, damit nichts Schlimmes passiert. Sprich: Es besteht die Gefahr einer Hypo also brauche ich Traubenzucker, Gummibärchen, Gels, Trockenobst oder Energieriegel, Saft, Iso, egal – was einem schmeckt, was gut zu transportieren ist und was den Zucker hoch treibt.
Weiter besteht die Gefahr einer Überzuckerung – also muss ich Messgerät und Insulin in greifbarer Nähe haben und generell gilt: regelmäßige Blutzuckerkontrolle. Man kann zwar blind auf der Autobahn fahren, aber man wird nicht weit kommen sondern ziemlich sicher in der Leitplanke enden. Das eigene Umfeld in Kenntnis zu setzen, ist ebenfalls von Bedeutung. Gerade wenn wir mit dem Rad unterwegs sind – müssen die anderen Bescheid wissen und ggf wissen, dass man mal eine längere Pause machen muss bis der Zucker wieder oben ist. Wenn man das verschweigt, kann das auch ganz schön ins Auge gehen…
Durch die Pumpe kann ich meine Therapie jederzeit anpassen – die Insulinzufuhr erhöhen oder auch reduzieren- je nach Blutzuckerwert. Aber auch hierzu bedarf es eines Wertes: Sprich: messen – messen – messen.

KmT1D: Wie managen Sie das bei Wettkämpfen mit der Pumpe?

Melanie Schipfer: Ich lege die Pumpe ab wenn ich ins Wasser gehe und lege sie an wenn ich aus dem Wasser komme und auf das Fahrrad steige. Meist habe ich die Basalrate schon entsprechen eingestellt, so dass ich nur noch den Blutzucker kontrollieren muss und ggf. mit einem Gel (wenn er zu tief ist) oder mit etwas Insulin (wenn er zu hoch ist – auch in Abhängigkeit – wie lange ich ohne Insulin war) wenn er zu hoch ist. Die Pumpe ist ein Segen- da sie mir gerade bei längeren Strecken Mittel – und Langdistanz wo ich 6-12 Stunden unterwegs bin – eine Anpassung ermöglicht!

KmT1D: In welchen Situationen benutzen Sie ihr cgm?

Melanie Schipfer: Ich trage die CGM gerade bei wichtigen Wettkämpfen wie einer Langdistanz oder einer Mitteldistanz. Auch wenn ich – wie dieses Jahr – als Radguide über einen Zeitraum von 2 Wochen mit Radgruppen unterwegs bin und die Gruppe über mehrere Stunden bei unterschiedlichen Belastungen über die Strecke führe, ermöglicht es mir die CGM, den Zuckerverlauf und Trend ablesen zu können, ohne ständig anhalten zu müssen um den Blutzucker zu kontrollieren. Dabei ist sie schon eine große Erleichterung. Auch verwende ich sie, wenn ich über mehrere Tage hinweg Werte habe, die ich mir nicht erklären kann wie z.B. hohe Werte am Morgen und die Messungen der Nacht mir keinen Aufschluss geben, woran es liegen könnte….

KmT1D: Ist die Notfallspritze schon einmal zum Einsatz gekommen?

Melanie Schipfer: Ja einmal – mein damaliger Freund hat sie mir verabreicht. Ich hoffe, das kommt nie wieder vor. Mir war danach schlecht und ich fühlte mich elend und wie vom Panzer überfahren. Dennoch habe ich im Kühlschrank eine liegen – die ich in regelmäßigen Abständen dann doch weg werfen muss – weil sie abgelaufen ist,… Gott sei Dank 😉

KmT1D:  Nervt der Diabetes Sie auch schon einmal?

Melanie Schipfer: Ja klar. Er nervt mich – wenn er nicht in der Spur läuft 😉 und das kommt gar nicht so selten vor. Dennoch – ich betrachte ihn als Partner. Wenn ich mich gut um ihn kümmere, ist er gut zu mir – vernachlässige ich ihn – bekomm ich die Quittung zurück. Auch Partner zicken mal, ärgern einen und haben ihre “Tage” an denen es einfach nicht so sein läuft,… so ist der Diabetes auch, nur mit dem Unterschied – ich kann mich nicht von ihm trennen. Somit muss man auch mit den schwierigen Tagen zurecht kommen und versuchen, das Beste daraus zu machen.

KmT1D: Wie kann man Eltern die Zweifel und Angst nehmen, wenn ihre Kinder das Vorhaben Leistungssport in Betracht ziehen?

Melanie Schipfer: Das ist eine gute Frage. Ich habe kein Kinder, aber ich denke, ein guter Ansatzpunkt wäre es zu sehen, dass die Kinder glücklich sind mit dem Sport, den sie betreiben- und welche Eltern wollen ihre Kinder nicht glücklich sehn? Zudem ist es ja so – dass man nicht von heute auf morgen in den Leistungssport anfängt. Es gibt ja während der Kindheit und Jugend eine lange Phase des Herumexperimentierens und Ausprobierens. Dabei kann man sich an den Sport herantasten und sehen, wo die eigenen Interessen und Begabungen liegen. Ich denke, wenn ein Kind dann Leistungssport betreiben möchte, sind die Grundkenntnisse (der Eltern) schon vorhanden, wie beispielsweise die Therapie angepasst werden kann. Viel wichtiger finde ich, dass man die Kinder sobald wie möglich aktiv mit in die Therapie einbezieht und zusammen nach Lösungswegen sucht (soweit dies möglich ist).

Wir bedanken uns recht herzlich für das tolle Interview bei Melanie Schipfer. Vielen Dank, das Sie sich die Zeit genommen haben, um unsere Fragen so ausführlich zu beantworten. Ihre Geschichten zeigen uns Eltern, was alles mit Diabetes Typ 1, auch im Leistungsport, möglich ist.
Mehr zu Melanie Schipfer findet Ihr auf der Homepage des Teams Special-1-one

Mandy

Mandy

Bereits im Alter von 3 Jahren erkrankte unser Sohn an Diabetes Typ 1. Fast noch ein Kleinkind, hieß es von nun an Pieksen, Messen, Insulin abgeben. In meinen Beiträgen möchte ich zeigen, wie wir alle zusammen mit der Krankheit leben.
Mandy

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