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Diabeteswarnhund Vegas – unser Engel auf 4 Pfoten

Gastautor: Heike L. selbst Typ1 Diabetikerin mit Sohn Simon 10 Jahre, Diagnose seit 17.12.2010 mit VEGAS – Hypohund

Vom Straßenhund zum Diabeteswarnhund

“Was machst Du mit Deinem Hund? Diabeteswarnhund, was ist das denn?”
Erstaunt schauen mich Freunde und Kollegen an, wenn ich von meinem Vorhaben berichte, einen Straßenhund zu einem Hypowarnhund auszubilden.
Ein solcher Hund kann Unterzuckerungen bei einem Diabetiker riechen und diese anzeigen. Dadurch können schwere Unterzuckerungen und ggf. ein Koma verhindert werden.

Angefangen hat alles mit der Diagnose “Diabetes” bei unserem Sohn am 17.12.2010.

Wenn man ein Kind hat und dieses Kind krank wird und diese Krankheit lebenslang bleiben wird, dann weiß man, wie hilflos man sich fühlen kann.

DIABETES – durch die Erkrankung unseres damals 6 jähriger Sohnes hat sich unser Leben  schlagartig und grundlegend geändert.
Ich suchte im Internet nach allem, was ich über Diabetes und Kinder mit Diabetes finden konnte. Besonders über die Wahrnehmung von Unterzuckerungen suchte ich hilfreiche Informationen, da unser Sohn seine Unterzuckerungen nicht richtig wahrnahm.

Unser Sohn meisterte die neue Situation erstaunlich souverän, ganz im Gegensatz zu seiner Mutter. Nach zwei Nervenzusammenbrüchen und einem geliehenen Hund von einer Freundin, um mich auf andere Gedanken zu bringen, sagte mein Mann die unüberlegten Worte:

“Dann kauf Dir einen Hund.”

Gesagt von ihm und sofort umgesetzt von mir, suchte ich ab sofort nach einem Familienzuwachs für uns. Dabei fiel mir wieder ein, was ich über Hunde gelesen hatte, die bei Diabetikern Unterzuckerungen anzeigen können. Also suchte ich nach einem kinderlieben Familienhund, mit einer guten Nase, intelligent und katzenfreundlich.
Nichts leichter als das…..?

Vegas, damals noch Rene, war gerade aus einer Tötungsstation von der griechischen Insel Samos in Deutschland angekommen und war in einer Pflegestelle in Duisburg untergekommen.
Als wir dort ankamen, hat sich schnell gezeigt, das dieser Hund Kinder liebt und ausgesprochen freundlich gegenüber dem Menschen ist.
Männer machten ihr jedoch Angst, da sie wahrscheinlich viele schlechte Erfahrungen auf der Straße gemacht haben wird.
Dieser Hund versuchte alles, um unseren Sohn nicht mehr aus der Wohnung zu lassen.
Sie warf sich vor seine Füße und genoß die Streicheleinheiten.
Wir waren sofort verliebt, aber es war schnell klar, das die Grundausbildung dieses Hundes wirklich Arbeit für mich bedeuten wird.

“Sie hat unseren Sohn ausgesucht, was soll man da machen?”, sagte mein Mann auf der Rückfahrt.

Das war halt Schicksal.

Nur der Name konnte nicht bleiben. Als Rene nach einer Woche dann bei uns zuhause einzog, mußte erst einmal ein neuer Name her.
Vegas sollte es werden, “wenn sie Mist macht, dann können wir sagen : Las(s) Vegas!”

Wir haben herzhaft über diesen Scherz gelacht und Vegas hatte einen neuen Namen.

Kann man eine ca. 3 jährigen Straßenhund mit ausgeprägtem Jagdtrieb, Angst vor Männern und ohne jegliche Erziehung zu einem Hypowarnhund ausbilden?

blog Kinder Diabetes Hund ausbildungNach eingehender Recherche im Internet war schnell klar, daß wir anscheinend eine Ausbildung des Hundes zu solch einem Warnhund gar nicht bezahlen könnten.
Von 3.600€ Kosten aufwärts war da zu lesen. In der Schweiz gar von 20.000 Franken. Soviel Geld können wir nicht aufbringen.
Also war ich schon soweit, mich über die Ausbildung von Drogenspürhunden zu informieren.
Zur Not hätte ich es auf eigene Faust versucht, aber wie?

Da half uns der Zufall und mein schlabberiges Mundwerk. Ich erzählte allen möglichen Leuten von meiner Idee. Dabei bekam ich von einer Diabetes-Assistentin im Krankenhaus in Hagen einen Tip und über Umwege kam ich zum Hundezentrum Siegerland und der Trainerin Uschi Loth.
Was für ein Glücksfall, wie sich noch herausstellen sollte.
Nach mehreren Wochen und vielen mails, machten wir uns dann in den Sommerferien 2011 auf, um eine Woche Urlaub in Burbach zu verbringen.
Ich war so aufgeregt, daß ich bei unserem ersten Besuch am Hundezentrum eigentlich nicht zurechnungsfähig war.
Was mache ich, wenn die Trainerin mir sagt;” mit dem Hund kannst Du die Ausbildung vergessen.” Vegas würde bei uns bleiben, aber meinen Traum von einem Hypowarnhund, der uns hilft, auf unseren Sohn aufzupassen (besonders nachts), könnte ich begraben.

Aber es kam anders.
Ein rothaariger Feuerschopf begrüßte uns und wir waren uns sofort sympathisch.
Das war schon einmal die halbe Miete.

Doch eine Frage brannte mir auf den Nägeln.
Ist Vegas geeignet zu einem Diabetes- oder Hypowarnhund?

Wenn ich Uschi vorher gefragt hätte, ob wir uns Vegas anschaffen sollten, wenn
wir diese Ausbildung vorhaben, dann hätte sie abgeraten.

Eine ehrliche Einschätzung der Erfolgsaussichten.

Doch es sollte schon wieder anders kommen!
Schon am ersten Tag zeigte Vegas, was alles in so einem Straßenhund stecken kann.
Sie absolvierte in 3 Sitzungen von jeweils ca. 10 Minuten das Lernpensum der nächten 3 Tage.

Ich war stolz auf meine “Schnecke” und Uschi erstaunt über diese Lerngeschwindigkeit.

Jeden Tag machte Vegas begeistert mit und zeigte schon am dritten Tag, daß sie genau verstanden hatte, wo nach sie eigentlich suchen sollte.

Am vierten Tag dann haben wir eine Probe von einem anderen Diabetiker bekommen und konnten mit Vegas ausprobieren, ob sie nach meinem Geruch, meinem Shampoo, meinem
Waschmittel, meinem Eigengeruch, meinem Haarspray, meinem…….., suchte
oder ob sie schon verstanden hatte, daß sie nach diesen paar Molekülen Hypogeruch suchen soll.
Ich kam gar nicht so schnell hinter meinem Hund her, da hatte sie schon aus allen neutralen Proben, diese eine Probe mit dem Hypogeruch des anderen Diabetikers gefunden.

Da Vegas nicht bellt, haben wir uns für Kratzen als Anzeige für eine Unterzuckerung entschieden.
Auch diese Hürde hat Vegas schnell genommen und als Anzeige des Geruchs brav gekratzt.
Später soll der Hund bei einer Unterzuckerung unseres Sohnes nachts eine Funkglocke
bedienen, da sie wg. des Hochbettes nicht an ihn herankommen kann, um zu kratzen.
“Klar”, dachte ich, “und Steno lernt sie dann morgen.”

Aber am fünften Tag haben wir geübt, daß Vegas mit ihrer Pfote auf einen Punkt am Boden
tritt. Später haben wir es dann mit einem Buzzer ausprobiert, der mit einer Funkklingel gekoppelt ist.
Vegas hat tatsächlich auf diesen Buzzer getreten.
An der Verknüpfung, daß sie selbstständig entscheiden muß, wann trete ich auf diesen Buzzer, müssen wir noch lange arbeiten, aber der Anfang ist gemacht.

Wir haben eine Trainerin kennen gelernt, die ihren Beruf lebt und uns hilft, unseren Traum von einem Hypowarnhund zu erfüllen. Bis Vegas zuverlässig alle Unterzuckerungen anzeigt und die Funkglocke bedienen kann, wird noch die eine oder andere Einzelstunde bei Uschi Loth ins Land gehen.
Die Ausbildung steht und fällt allerdings mit meiner Geduld und Konsequenz.
Jeden Tag werde ich mit Vegas üben, sie motivieren und Loben und an mir arbeiten, wenn
mal etwas nicht klappt – denn dann habe ich ihr etwas falsch oder in zu großen Schritten versucht zu vermitteln.
Mir macht die Arbeit mit ihr sehr viel Spaß und es macht mich stolz, mit welcher Ausdauer und welchem Spaß Vegas bei der Sache ist.

Nur zwei Wochen nach unserem “Ausbildungsurlaub” in Burbach hat Vegas das erste Mal
bei mir eine Hypo (Unterzuckerung) angezeigt, die ich nicht bemerkt hatte.
Ich war im Streß und hatte nicht auf die Anzeichen für eine Unterzuckerung geachtet.
Auf einmal fing Vegas an, wie wild an mir zu kratzen. Als ich nicht sofort reagierte, da ich ja der Meinung war, ich wäre nicht unterzuckert, ist Vegas mit den Vorderpfoten auf meinen Schoß geklettert.
Dort hat sie wie verrückt an meinem T-Shirt gekratzt und keine Ruhe gegeben, bis ich gemessen hatte und feststellen mußte: Ich hatte wirklich eine Unterzuckerung (58mg/dl).

Wir haben noch einen langen Weg vor uns und müssen jeden Tag üben.
Wenn Vegas uns aber dabei helfen kann, daß wir einen zusätzlichen “Scanner” an unserer
Seite haben, der uns warnt, wenn Simon unterzuckert, …

… dann hat sich alle Arbeit gelohnt.

Vegas ist auf jeden Fall unser Jackpott, eben unser Engel auf 4 Pfoten.

Nachtrag:

Nun ist Vegas – unser Engel auf 4 Pfoten – schon fast 3 Jahre Teil unserer Familie
und seit über 2 Jahren “hat sie ihre Flügel” und zeigt fleißig an bei schlechten Zuckerwerten.

Meist merkt sie eher als Simon oder auch ich, wenn wir unterzuckert sind.

Vor ca. 1,5 Jahren fiel uns auf, dass Vegas sehr aufgeregt an mir geschnuppert hat und immer wieder mit den Pfoten auf meine Schoß krabbelte und stupste.
Unterzuckert konnte ich aber nach dem ganzen Kuchen auf dem Geburtstag meiner Mutter auf keinen Fall sein. Aber Vegas war sooo aufgeregt und gab keine Ruhe.
Als ich dann den Zucker gemessen habe, da zeigte das Gerät 280mg/dl.

Ich war also viel zu hoch.
Aus dem Bauch heraus habe ich sie gelobt und mit Leckerchen belohnt.

Schon zwei Tage später zeigte sie auf einem Gartenfest das gleiche Verhalten.
Beim Messen stellte sich heraus, dass ich wieder viel zu hoch war mit 256 mg/dl.
Wer hätte am Anfang dieses Abenteuers gedacht, dass sich unser Engel auf 4 Pfoten irgendwann sogar selber beibringen würde, zu hohe Werte anzuzeigen.
Seitdem zeigt sie Werte unter ca. 60 mg/dl und über ca. 190 mg/dl an.

Da die handelsüblichen Messgeräte eine Toleranz von ca. 10% oder mehr aufweisen können,
kann ich die Werte nicht ganz genau beziffern. Ist mir aber auch egal, denn zu tief oder zu hoch trifft es sehr genau. Das reicht uns!

Auch auf die Gefahr hin, dass mir keiner glaubt, hat Vegas dann noch etwas gezeigt, was man sonst nur von einem CGM kennt:
– sie kann Tendenzen erkennen.

Wenn der Blutzucker extrem rasant abfällt, dann riecht sie das schon, wenn der Wert noch im Normbereich liegt.
Dies ist sehr schwierig nachzuvollziehen, wenn der Zucker noch bei beispielsweise 120 mg/dl liegt, denn was in 30 Minuten sein wird, dass weiß ich ja noch nicht.
Aber Vegas riecht es.

Ich muss ihr dann glauben und mit Traubenzucker oder Apfelsaft gegen regulieren.

Wenn ich nicht reagiere, dann sehe ich nach kurzer Zeit, dass die Werte schnell sinken.

Bei all diesen schönen Berichten, was so ein Hund alles kann und macht, sollte man aber etwas sehr wichtiges beachten:
Ein Hund weiß nicht, dass er seinen Menschen mit der Anzeige der Hypo “rettet”, der Hund macht dies, da er darin für sich selber einen Vorteil sieht ( Leckerchen, Lob, Streicheleinheiten, Aufmerksamkeit – alles Vorteile aus Sicht des Hundes) .
Der Hypowarnhund wird nur dann zuverlässig suchen und anzeigen, wenn die Menschen auf ihr eigenes Verhalten (sei es bewußt oder unbewußt) genauestens achten und keine Hinweise geben, wenn eine Hypo vorliegt.
Denn sonst wird der Hund nicht mehr mit der Nase nach einer Hypo suchen, sondern sich auf die Anzeichen seiner Menschen verlassen.
Ist weniger arbeitsintensiv und hat dann eine hohe Trefferquote.
Hunde sind halt pfiffige Minimalisten!

Diese verklärten Darstellungen in den Medien, die geschürten Ängste und die Hoffnungen, die man sich überall teuer bezahlen läßt – finde ich nicht fair.
Unser “Sensor”mit Kuschelfaktor macht Arbeit, Dreck und kostet Geld, aber unser “Engel auf 4 Pfoten” schenkt eine zusätzliche Sicherheit (die unsere Verantwortung und unsere Pflichten nicht vermindert), sie schenkt sehr viele Schmuseeinheiten und Freude ——…

…..— und für Mutti endlich mehr Sport und Bewegung! :-)))
Infos über die Ausbildung zum Diabeteswarnhund

Hundezentrum Siegerland
www.teamwaerts.com

Gast Autor

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3 Kommentare

  • 1 Woche Ruder-Camp mit dem Deutschland Achter – eine besondere Herausforderung für Simon | kinder-mit-typ1-diabetes 12/04/2015 at 06:00

    […] anstrengenden Tag haben wir die Basalrate dann sogar auf 30% gesenkt. Direkt vor dem Rennen zeigte Vegas, unser Diabetikerwarnhund, dann aber an und siehe da, schon wieder zu niedrig. Egal. Simon schob alles an Notfall-BEs in sich […]

    Reply
  • Diabetes Typ 1 bei Kindern: hilft ein Diabetikerwarnhund? 25/03/2015 at 15:13

    […] Heike Lemmer ist Besitzerin eines Diabetikerwarnhundes, auch als Hypowarnhund bekannt, und selber zuckerkrank. Die Mutter des 10-jährigen Simon, bei dem vor vier Jahren Diabetes festgestellt wurde, hat ihren Diabetikerwarnhund Vegas in einem Heim gefunden, nachdem er aus einer Tötungsstation von der griechischen Insel Samos gerettet worden war. Die ganze Geschichte könnt ihr hier nachlesen. […]

    Reply
  • Ve Gas 09/02/2014 at 12:28

    Zu den Kosten für die Ausbildung unsere “Engels auf 4 Pfoten”:

    Für die Ausbildung unseres Hundes Vegas zum Diabetikerwarnhund haben wir unter 300€ bezahlt ( dazu kommen noch Fahrtkosten, die woanders auch angefallen wären ).

    Mehrere tausend Euro hätten wir nicht bezahlen können.

    Reply

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