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Die erste (Mini-) Klassenfahrt mit Diabetes Typ 1

Gastautor: Heike G. mit Ihrem Sohn Lars, 9 Jahre alt, Diagnose seit Nov. 2010

Im Juli 2013 ging Lars (damals 8, in der 3. Klasse und nach 2, 5 Jahren schon ein erfahrener Diabetiker) mit seiner Klasse zum ersten mal auf eine Mini-Klassenfahrt. In der Schule übernachtet hatte er schon zweimal. Aber die Schule ist nur 10 Minuten zu Fuß von hier, die Burg, auf der die Lars nun die Nacht verbringen sollte, dagegen 2 Autostunden! Bei Problemen schnell mal hinfahren also unmöglich.

Vor der Nacht auf der Burg stand noch eine längere Wanderung durch Hohe Venn auf dem Tagesplan.

Die Kinder hatten am Vortag alle eine Tasche mit dem für eine Übernachtung Allernötigsten in der Schule abgegeben. Die Taschen sollten einen Schlafanzug, Waschzeug und eine Garnitur frische Wäsche enthalten. Bei Lars enthielt sie außerdem: mehrere Ersatzkatheter, ein befülltes Ersatzreservoir, ein weiteres leeres Reservoir, ein Insulin-Fläschchen, Ersatzbatterien, Desinfektionsmittel, Teststreifen, Lanzetten, sowie jede Menge Traubenzucker und eine Packung Müsliriegel.
Die Taschen wurden durch die Lehrerin vorab zur Burg transportiert.

Am nächsten Morgen gegen 9 Uhr ging es los. 26 Kinder sprangen grölend in den Bus. Jedes bestückt mit einem kleinen Rucksack mit Marschverpflegung und einer Regenjacke – für alle Fälle. Lars hatte für und auf JEDEN Fall Messgerät, Teststreifen, Stechhilfe, Lanzetten… und für den Fall eines kleines Zwischenfalls auch noch zwei weitere Ersatzkatheter im Rucksack.

Da wir keine Ahnung hatten, wie sich die Kombination von Aufregung und stundenlanger Wanderung auf Lars’ Blutzucker auswirken würde, hatte ich sowohl mit ihm als auch mit der Lehrerin ausgemacht, dass Lars mindestens alle 2 Stunden misst und ich nach jeder Messung einen Anruf bekomme.

Ich traute mich kaum weiter als 3 Meter vom Telefon weg. Staubsauger und andere Geräuschquellen blieben ausgeschaltet um nicht am Ende das Klingeln der Telefons zu überhören.

Aber es kam kein Anruf… nicht um 11 Uhr, nicht um 12 Uhr, nicht um 13 Uhr…

Ich versuchte mich damit zu beruhigen, dass keine Nachrichten für bekanntlich gute Nachrichten sind, aber unsympathisch war mir die Stille doch. Schließlich versuchte ich selbst anzurufen. Es lief nur die Mailbox, wieder und wieder… Ich wurde langsam aber sicher nicht nur nervös sondern auch stinkwütend! Was nützt die beste Vereinbarung, wenn sie nicht eingehalten wird?!

Es kam auch um 14 Uhr kein Anruf, nicht um 15 Uhr und auch nicht um 16 Uhr.

Um 17 Uhr schließlich habe ich die Jugendherberge angerufen und erfahren, dass die Klasse wohlbehalten eingetroffen war und dabei war sich häuslich für die Nacht einzurichten. Wie sich herausstellte, ist offensichtlich das ganze Hohe Venn ein einziges Funkloch. Die Lehrerin hatte etliche male versucht uns anzurufen – erfolglos. Zudem hatte die Wanderung auch noch länger gedauert als geplant, denn die Lehrerin hatte sich sowohl was die Länge des Weges als auch was das Wandertempo ihrer Schüler anbetrifft, verschätzt.

Um 11 Uhr war Lars unterzuckert. Sein Blutzucker lag bei 58 mg/dl. Er hat 2 Traubenzucker-Plättchen gefuttert. Um 13Uhr war der Wert dann leider gleich 346 mg/dl. Lars hat, wohl rein aus dem Gefühl heraus, nur mit Wasser (natürlich oral, nicht subkutan) „korrigiert“. Das stellte sich als recht klug heraus, denn bis 16 Uhr war der Blutzucker allein durch die Bewegung auf 203 gesunken und so blieb ihm eine weitere Unterzuckerung erspart.

Einen weiteren kleinen Zwischenfall gab es beim Abendessen: Es gab Fleisch, Gemüse und Kartoffelpüree, außerdem Pfirsiche zum Nachtisch.
Lars und ich haben telefonisch ausgemacht, dass er 2 KE Kartoffelpüree und 1 KE Pfirsich isst. Leider hatte die Jugendherbergsköchin wohl mal irgendwo gelesen, dass Diabetiker kein Püree essen sollten und tischte Lars stattdessen 2 KE unzerstampfte Erdäpfel auf. Lars mag keine Salzkartoffeln, traute sich aber auch nicht das offen kundzutun. Irgendwie ist eine Kartoffel dann zu Boden gegangen – mit Absicht, sagt die Lehrerin – aus Versehen, sagt Lars… und in der allgemeinen Verärgerung hat weder Lars noch seine Lehrerin daran gedacht, dass er, nachdem er für 3 KE Insulin bekommen hatte, auch 3 KE hätte essen müssen…

Zum Glück war das nicht übermäßig schlimm. 2 Stunden später war der Blutzucker mit 74 mg/dl zwar etwas, aber nicht extrem niedrig. Lars durfte noch einen von seinen Müsliriegeln futtern und ging gegen 23 Uhr mit 93 mg/dl ins Bett.

Am nächsten Morgen wachte er mit 82 auf und gegen Mittag durften wir unseren stolzen Ritter wieder in die Arme schließen (die Eltern haben die Kinder auf der Burg abgeholt).

Es ist nicht alles super glatt gelaufen, aber es hätte wahrlich schlimmer kommen können. In Ausnahmesituationen wie einer Klassenfahrt sind Traumwerte nicht das oberste Ziel.

Im Juni diesen Jahres wird Lars mit seiner Klasse erneut die Burg „erstürmen“, diesmal für eine ganze Woche und wir sehen dem einigermaßen zuversichtlich entgegen. Nur das Funkloch beunruhigt uns etwas…

Gast Autor

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